Das Ende des Wüstenplaneten

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Stefan, am 29. April 2010 um 21:35

gottkaiser

Regelmäßige Besucher unserer Seite erinnern sich vielleicht noch an das kleine Wüstenplanet-Special, in dem ich mich eingehend mit dem Science Fiction Zyklus von Frank Herbert beschäftige, mit Sicherheit eine der Buchreihen, die mich als Jugendlicher am Meisten geprägt hat. Der Lübbe Audio Verlag hat vor gut anderthalb Jahren mit der Produktion der Hörbücher begonnen und ungekürzte Lesungen in unglaublich aufwendigen Editionen veröffentlicht. Vor einem Monat hätte der (äußerst umstrittene) vierte Teil — Der Gottkaiser des Wüstenplaneten — erscheinen sollen, doch bis heute bleiben die Regale leer.

Kurz bei Lübbe Audio informiert, kam von der Programmlektorin Fr. Kaiser folgende Antwort.

Der vierte Teil des “Wüstenplaneten” ist bereits fertig aufgenommen und geschnitten. Aufgrund der sehr geringen Vorbestellungen im Buchhandel sehen wir uns wirtschaftlich aber leider nicht dazu in der Lage, dieses umfangreiche Hörbuch (15 CDs) zu vervielfältigen und als physische Ausgabe im Handel anzubieten. Wir werden die Produktion aber den Downloadportalen anbieten, wo sie dann gekauft werden kann. Nur der Starttermin steht noch nicht fest. Teil 5 und 6 sind bei uns in absehbarer Zeit nicht eingeplant.

Es tut mir sehr leid, Ihnen das schreiben zu müssen, aber wir können zum heutigen Stand der Dinge die immensen Kosten dieser sehr besonderen Produktion leider nicht tragen.

Und es bricht mir das Herz. Zu schade, dass dieses Epos der Science Fiction Literatur mittlerweile nicht mehr diese Anhängerschaft genießt wie noch vor 10 Jahren — die exzellent produzierten Hörbücher hätten das absolut verdient!

Zum Glück bleibt noch der Weg zum Download, es ist zwar nicht dasselbe, aber so freu ich mich trotzdem auf den Zeitpunkt, wenn ich zum ersten Mal die deutsche Fassung des vierten Bandes höre. Denn damals, als ich mich der Materie näherte blieb mangels verfügbaren Exemplaren nur der Griff zum englischen Original.

Sowie die Download-Fassung bei den Hörbuch-Portalen erscheint, werde ich unsere kleine Sonderrubrik selbstredend erweitern. Und hoffen, dass irgendwann in Zukunft man vielleicht doch noch die letzten beiden Episoden vertont.

Übrigens, noch ein Wort zum Schluß: Die Entscheidung von Lübbe Audio, die Hörbücher nicht phsyisch herauszubringen, wird auf einigen Onlineportalen äußerst kontrovers diskutiert. Nur soviel, so schade die ganze Angelegenheit ist, ist Lübbes Zug absolut gerechtfertigt. Wozu ein noch größeres Verlustgeschäft eingehen, wenn man mit den neuen Möglichkeiten noch retten kann, was zu retten ist.

Von Mäusen und Menschen
John Steinbeck

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Stefan, am 28. April 2010 um 22:57

George und sein starker, jedoch einfältiger Kumpel Lennie verdienen sich als Wanderarbeiter auf den großen Farmen ihren Lebensunterhalt. Sie legen so viel es geht auf die hohe Kante, weil sie sich irgendwann ein eigenes Stück Land kaufen wollen. Das klingt einfacher als es ist, da die beiden nie einen Job lange genug halten können. Grund ist vor allem Lennie, der alles Schöne streichelt: Mäuschen, Kaninchen, Hunde … und sogar die hübsche Frau des Farmbesitzer. Die beiden kommen nach einem Rauswurf zu einer neuen Anstellung. Diesmal wollen sie alles richtig machen…

John Steinbecks Werk ist eindeutig wie ein Bühnenstück konstruiert. Die Kapitel ähneln eher Theaterszenen und kommen mit wenigen, dafür eingängig beschriebenen Schauplätzen aus. Und nachdem die Szenerie steht, lässt der Autor vor allem die Figuren im Dialog leben. Und genau da ist die unglaublich große Stärke des Romans. Die Gespräche unter den verschiedenen Charakteren verleihen denen eine ganz eigene und authentische Persönlichkeit. Bewusst sprechen die Arbeiter im Slang (großes Lob an die Übersetzung), kürzen Sätze ab, wiederholen sich oft und reden bewusst aneinander vorbei, bringen aber dadurch die Dinge auf den Punkt. Das Wechselspiel zwischen Lennie und George und die ständige Neuerzählung ihres großen Traumes gehören hier wohl zu den Highlights des Romans, und haben in jeder neuen Situation eine andere Wirkung, je nachdem welche Figur den beiden gerade zuhört. Ob es nun der farbige Stallbursche Crooks ist, der alte Arbeiter Candy oder auch nur der Leser allein.

Durch die Dialoge lässt Steinbeck auch Platz für entsprechende Charakterentwicklung. Curleys Frau, in gewisser Weise die Femme Fatale des Romans, wird vor allem durch die Beobachtungen der Männer zu Beginn schon sehr scharf gezeichnet, zeigt sich aber im Laufe der Geschichte von einer ganz anderen Seite. Besonders aufgefallen ist mir das auch noch bei Slim und Candy, die ebenso eine entscheidende Rolle spielen. Und natürlich bei den Protagonisten George und Lennie selbst.

Die Gespräche sind teils witzig und humorvoll, teils aber auch sehr spannend und auf die Spitze getrieben. Man merkt, dass die beiden es mit Lennies eigenwilligen Neigungen und seiner Einfalt nicht besonders leicht haben. Und dennoch hält George in allen Situationen zu ihm und versucht, ihn aus allen Schwierigkeiten heraus zu halten.

In den prekären Situationen, in die Steinbeck sein Duo schleift, schafft er es in den Dialogen Themen wie Freundschaft, Einsamkeit, Gesellschaft und Träume zu behandeln und teilt vor allem eines mit: Es ist nicht gut, alleine zu sein. Jeder Mensch braucht jemanden, mit dem er sprechen kann, und sei es nur um des Sprechens Willen. Und jeder Mensch braucht ein Ziel. Und so wichtig die beiden Dinge auch sind, genauso schmerzhaft ist es, wenn man diese verliert.

Eine wunderschön erzählte Geschichte und ein Zeitdokument, dessen Themen auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Zu Recht ein Klassiker und absolute Pflichtlektüre!

Der Kameramörder
Thomas Glavinic

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Stefan, am 26. April 2010 um 21:08

Der Ich-Erzähler und seine Lebensgefährtin verbringen das Osterwochenende bei einem befreundeten Pärchen in der Steiermark. Was als gemütliches Beisammensein über die Feiertage geplant war entpuppt sich schnell als emotionsgeladene Auseinandersetzungen der vier Protagonisten mit den Medien, die ununterbrochen über einen in der Nähe stattgefundenen, grausamen Mord an zwei Kindern berichten. Der Mörder habe zudem alles mit einer Videokamera aufgezeichnet und — sehr zum Missfallen der beiden Paare — befindet sich immer noch in der Gegend.

Es ist absolut beeindruckend, wie Thomas Glavinic es schafft, mit einer reinen und eigentlich sehr emotionslosen Nacherzählung der Feiertage eine dermaßen kühle, bedrückende und bedrohliche Atmosphäre zu schaffen. Nicht nur das. Durch die teils akribische und neurotisch detaillierte Schilderung der Geschehnisse haucht der Ich-Erzähler den Charakteren unglaubliches Leben ein. Da gibt es erwachsenen Lausbuben Heinrich, der bei der Medienflut immer noch nicht genug hat um seine Sensationsgeilheit zu stillen und gerne unangebrachte Witze macht, die bei den Frauen der Runde ganz und gar nicht ankommen. Und doch weiß er, wie in er in gewissen Augenblicken richtig handeln muss, um kein Drama zu riskieren. Dann seine Frau, Eva, anfangs etwas promisk geschildert, wird sie schnell mit der Berichterstattung des Mordes zu einer sehr sensiblen und zerbrechlichen Person, die wohl am meisten mit der Medienpräsenz zu kämpfen hat. Sonja, nach dem ersten Erwähnen nur “meine Lebensgefährtin” genannt, die anscheinend für den Ich-Erzähler unter “ferner liefen” zu verbuchen ist und erst gegen Ende ihren großen Auftritt hat. Und natürlich der Ich-Erzähler selbst, der sich merkt wie viele Wespen er verscheuchen musste, der darauf achtet nicht im gleichen Schritt die Treppen hochzugehen wie seine Lebensgefährtin, der sich an Tischtennisergebnisse erinnern kann und immer wieder weitere, teils nebensächliche Details des Osterwochenendes preisgibt. Immerhin wurde er ja gebeten, alles aufzuschreiben. Wirklich alles.

Und das macht er auch, beinah schulaufsatzartig, mit einem Hang zu überaus hochgestochenen und dadurch sehr kreativen Beschreibungen allgegenwärtiger Handlungen. Wo sonst erfährt man, dass bei einem Auto “dessen erhitztes Blech von der Sonne erheblich aufgeheizt war und Berührungen strengstens verbot”? Für mich als Kurz-Kapitel-Fanatiker war es darüber hinaus sehr erstaunlich, wie gut mich ein Roman doch halten konnte, wenn es nicht auch nur einen Kapitelwechsel im gesamten Stück gibt. Nicht nur das, es existiert nicht einmal ein Absatz. Und dennoch lässt sich das Geschriebene äußerst flüssig und leicht lesen. Und während man die 160 Seiten liest, will man das Buch sowieso nicht mehr aus der Hand legen.

Der Ich-Erzähler pendelt in seiner Nacherzählungen zwischen den Freizeittätigkeiten der Paare und den Berichterstattungen aus Fernsehen, Zeitung und Teletext. Beides wird äußerst distanziert dargestellt und vermischt sich so zu einem ungewöhnlichen, beunruhigenden Gesamten. Vor allem wenn das aufgezeichnete Todesvideo ins Spiel kommt und dazwischen wieder von den Chips und Erdnüssen die Rede ist, die das Publikum beim Betrachten futtert, fällt es oft schwer schnell zwischen den beiden Vorgängen hin- und her zuschalten.

Genau das macht auch den Reiz des Buches aus und lässt dem Leser sehr viel Raum seine eigenen Emotionen in die Geschichte zu packen. Nur soviel: Der Mord, der in diversen Phasen immer wieder neu aufgerollt wird hat es echt in sich und ist trotz (oder gerade wegen) seiner distanzierten Schilderung nichts für zarte Gemüter. Und genau der lebt vor allem von dem, was man als Leser in die Geschehnisse hinein fühlt.

Ein unglaublicher, literarischer Krimi, der nach dem Ende noch sehr lange nachhallt und durch den abrupten Schluss samt übereilter Lösung noch viele Fragen offen lässt. Diese kann dann der Leser für sich selbst beantworten.

Die Gewinner des Wumbaba-Gewinnspiels

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Stefan, am 25. April 2010 um 17:55

In aller, eiliger Kürze: Seit gestern stehen die Gewinner unseres Wumbaba-Gewinnspiels fest. Dazu haben wir die Einträge von BuchSaiten und der Bücher(p)lausch Homepage zusammen in einen virtuellen Topf geschmissen und zwei Glückliche (ebenso virtuell) gezogen.

Hier die Ergebnisse:

Die drei gebundenen Bücher gehen an Emily, die mit

Mein Verhörer: In einem Lied von Schandmaul hörte ich immer “der Drachentöter Ferdinand”. Bis ich mal ins Booklet schaute. Eigentlich heißt es: “der Drachentöter er genannt”. Ab und an höre (und singe) ich aber heute noch den Ferdinand.

gewonnen hat. Die drei Hörbücher bekommt Christina, die jetzt dank

Nachdem ich die Werbung seit langem wieder einmal gehört hab: “Frühlingszeit ist Kerker Zeit” (und ich hör das tatsächlich immer wieder), aber das liebe Mädel singt nicht Kerker, sondern Kärcher (für alle die die Marke Kärcher nicht kennen, das sind Hochdruckreiniger). Damals dachte ich mir “WASSS singt die da?” Naja ist doch harmloser als angenommen – nur Kärcher.

wenigstes die nächsten Wochen über im Kerker was zu Hören hat ;) Schickt noch eure Adressen an stefan@buecherplausch.de, damit wir euch eure Gewinne zukommen lassen können!

Vielen Dank nochmal an Jakob Meiner vom Kunstmann-Verlag für die Verlosungsexemplare!

Die feine Nase der Lilli Steinbeck
Heinrich Steinfest

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Stefan, am 23. April 2010 um 13:46

Georg Stranksy, Zoologe mit einem bescheidenen, aber scheinbar perfekten Leben wird eines Tages von einem — im wahrsten Sinne des Wortes — Stück Fallobst überrascht, welches in Form eines Apfels das Fenster seiner Stuttgarter Wohnung durchbricht. Ein begleitender Drohanruf sorgt dafür, dass Stranksy einen Bissen davon nimmt, der ihn im Stile von Schneewittchen nicht nur ohnmächtig werden lässt, sondern auch dafür sorgt, dass er spurlos verschwindet. Die österreichische Kommissarin Lilli Steinbeck, eine hübsche Frau mit unmöglich kaputter Nase, wird mit dem Fall betreut und merkt bald, dass es sich hier nicht bloß um eine einfache Entführung handelt sondern weit größere Mächte dahinter stecken, die ihr eigenes Spiel treiben und bei denen Batman eine ganz bestimmte Rolle zu spielen scheint.

Ich muss gestehen, ich bin mit dem Liebling der Kritiker und der Krimipreis-Jury nie wirklich warm geworden. Sein Hang zu unendlichen, teils sehr anstrengenden Ausschweifungen und der Fähigkeit zum Schwafeln bzw. Unfähigkeit den Punkt bzw. Kern der Handlung zu treffen haben gepaart mit dem oft weniger zynischen, mehr intelligent arrogant wirkenden Humor oft dazu beigetragen, dass ich nach wenigen Seiten ein Buch entnervt zur Seite gelegt habe.

Nicht so bei Lilli Steinbeck, diesmal hat‘s nämlich gefunkt. Ich weiß nicht, ob es an der teils gewollt naiven und überaus lustigen Erzählweise von Dietmar Mues liegt oder an der Tatsache, dass man gewisse Teile für die Hörbuchfassung gekürzt hat (und somit eventuell einen Großteil ebenjener Ausschweifungen eliminierte), aber hier konnte ich mich gar nicht satt hören von den überaus spitzfindigen, pointierten Dialogen und den schrägen aber dennoch amüsanten Weltanschauungen des Erzählers.

Dabei macht es einem Steinfest trotzdem nicht allzu leicht: Wer einen Kriminalroman im eigentlichen Sinne erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch beginnt zwar als Krimi, wechselt aber schon bald in den Bereich des Agenten-Thrillers, wobei bei der Behäbigkeit und Gemächlichkeit der Erzählweise (die im Nebendarsteller Kallimachos wohl den Gipfel findet) “Thriller” eindeutig das falsche Wort ist. Trotzdem, der Autor spielt gekonnt mit dem Klischee des Agentenfilms und erzeugt eine Atmosphäre, die einem frühen James Bond Film wohl am nächsten kommt, wenn auch mit einem sehr eindeutigen Augenzwinkern.

Im letzten Drittel allerdings gibt es einige Szenen, die für manche den Scheideweg zwischen Genialität und Abstrusität bedeuten könnte und in denen Steinfest den Lesern einiges abverlangt. Bei mir hat es funktioniert, spätestens ab dem Ende der dritten CD ging mir der Knopf völlig auf und ich erkannte den eigentlichen Witz bzw. die Persiflage, und konnte so den Rest vollständig genießen.

Nichtsdestotrotz bleibt dann noch die Hürde der Aufmerksamkeit. Steinfest hat eine Sprache, auf die man sich einlassen muss und bei der man auch mit der vollen Konzentration dabei bleiben muss. Wenn man sich aber erst darauf eingelassen hat, dann zündet es!

bücher(p)lausch #16 – Literaturverfilmungen

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Stefan, am 23. April 2010 um 00:31

Pünktlich zum Welttag des Buches lädt Stefan zwei Gäste ins bücher(p)lausch Studio ein, die zur Feier des Tages (oder zur gewollten Biegung des Themas an ebenjenen Tag) bemüht werden ihr bekanntes Umfeld des Filmes zu verlassen und über das gedruckte Werk zu plaudern. Damit man es ihnen etwas einfacher macht, überschreiten sie die Grenze ein bisschen und sprechen nicht nur über Bücher, sondern auch über deren gelungene (oder nicht gelungene) Verfilmungen.

Folgende, sehr breit gefächerte Themenauswahl ist diesmal am Programm:

[00:00] Intro und Einleitung
[02:25] J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe und die Inspirierten (Markus Heitz’ Zwerge und Bernhard Hennens Elfen)
[10:15] Clive Barker – Das Buch des Blutes und Abarat
[12:00] Bissige Kommentare zu Twilight und das echte Zeug: Bram Stokers Dracula und die Vampirchroniken von Anne Rice (Interview mit einem Vampir, Der Fürst der Finsternis, Königin der Verdammten)
[20:45] Ausschweifend: Die Technik, die Fantasy und C.S. Lewis – Die Chroniken von Narnia und Neil Gaiman – Sternwanderer
[26:40] Was, das gibts als Buch? Chuck Palahniuk – Fight Club und Bret Easton Ellis – American Psycho
[30:15] Regie-Ass Stanley Kubrick: The Shining (Stephen King) und Uhrwerk Orange (Anthony Burgess)
[33:10] Verabschiedung und Outro

Anhören könnt ihr das Ganze hier:

Oder per Rechtsklick herunterladen

Da die Aufnahmen noch während Kossis Internetpause entstanden sind, hört ihr neben Stefan noch das Wiener Moderatorenduo René und Mario von MovieFeature, dem wöchentlich erscheinenden Film-Podcast.

Das Kind auf der Treppe
Karla Schmidt

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Stefan, am 20. April 2010 um 10:58

Die Isländerin Leni flieht vor ihrem kontrollsüchtigen und gewalttätigen Mann nach Berlin und sucht Zuflucht bei ihrer Schwester Zicky, die mit ihrer lesbischen Freundin Olga in einer Wohnung in der Hauptstraße 155 lebt — dort wo einst auch David Bowie und Iggy Pop wohnten. Was Leni noch nicht weiß ist, dass die kreativen Köpfe mittlerweile einer horrenden Freak-Show gewichen sind, in der scheibchenweise abgetrennte Gliedmaßen, fragwürdige Protein-Shakes, Schulwegmonster und Kinderschänder hinter den verschlossenen Türen zur Tagesordnung gehören.

Bereits im Vorfeld wurde laut, dass das Kind auf der Treppe nicht unbedingt zur leicht verdaulichen Thriller-Kost gehört. Karla Schmidt fährt ein unglaubliches Programm und reiht einen Schockmoment an den anderen, spielt mit Unaussprechlichem und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht Sex, Gewalt und moralische Verwerflichkeit zu schildern. “Was zur Hölle …?” kam mir beim Lesen wohl am meisten über die Lippen, und die Augen weiteten sich trotz vorangeschrittener Stunde von Seite zu Seite.

Doch ein Thriller kann nicht von Ekel und Tabubruch alleine leben, auch nicht von zahlreichen David Bowie Huldigungen. Dessen ist sich Karla Schmidt allerdings absolut bewusst und überzeugt deshalb sowohl mit der Handlung als auch mit der äußerst gelungenen Erzählweise. Gekonnt springt die Autorin zwischen der Vergangenheit der Protagonistin und den aktuellen Ereignissen, zeigt trotz der augenscheinlich unterschiedlichen Geschehnisse Parallelen auf und rundet durch gelungene Perspektivenwechsel bereits Bekanntes hervorragend ab.

Genau diese feine Konstruktion und Verknüpfung der beiden Handlungsstränge (vor Berlin, in Berlin) verleiht sowohl der Protagonistin Leni als auch ihrer jeweiligen Umgebung eine unglaubliche Tiefe, und gehört meines Erachtens nach weit mehr zu den herausragenden Eigenschaften dieses Romans als die vorhin angesprochenen Schockmomente der HS155-Freak-Show. Gerade Leni und Zicky gewinnen durch ihr Schicksal sehr an Authentizität.

Trotz meiner Euphorie weiß ich nicht, ob ich “das Kind auf der Treppe” uneingeschränkt empfehlen kann. Man muss schon einen gewissen Magen und starke Nerven für die ins Auge springenden Schockmomente vorweisen können. Wer allerdings “hinsehen” kann, wird mit einer clever erzählten, mitreißenden und fein gesponnenen Geschichte belohnt. David Bowie Fans hingegen erwartet eine außerordentlich blutige Liebeserklärung an den großen Meister.