Das Geschwisterpaar Robert und Julia Frost erreichen eine Woche nach Semesterstart das kanadische Grace College, wo sie die nächsten vier Jahre ihrer Ausbildung verbringen sollen. Schon bei der Ankunft “im Tal” wird klar, dass nicht nur die Vergangenheit der beiden höchst mysteriös ist, sondern auch die schulische Einrichtung samt der umgebenden, geographischen Bedingungen. Das Gebäude folgt zu offensichtlich mathematischen Zahlenspielereien und scheint mit dem Berg “Ghost” und dem nicht weniger eklatant klingenden “Mirror” See in irgendeiner Verbindung zu stehen. Noch dazu gibt es geheime Akten, Nachrichten von fragwürdigen Absenedern, alte Steintafeln an den Orten, wo man es nicht erwartet und selbstredend auch Geflüster im Wald. Immerhin: Wenn man schon offen zugibt, von der Erfolgsserie Lost inspiriert zu sein, dann braucht man sich bei der Wahl der “MacGuffins” auch nicht zurückhalten.
Das zum US-Insel-Mythos analoge Tal besteht vor allem aus einer Anhäufung bekannten bzw. beeinflussten Mythen und Mysterien und einem leider etwas gewöhnlichen Krimiplot, der neben all den Gimmicks für den roten Faden sorgt. Und alles im Trend der jüngsten Jugendbücher aus Deutschland natürlich mit höchst internationaler Nomenklatur. Dann wirkt es immerhin mehr “wie aus dem Fernsehen”.
Nicht nur bei der Wahl der Stilmittel hat man sich nah an Lost orientiert, auch beim Aufbau wagt man den Weg zu den charakterzentrischen, in Staffeln (Verzeihung: Seasons, von wegen Internationalität) zusammengefassten Episoden. Während “Das Spiel” noch Robert und Julia Frost im Fokus hat, erfahren wir bei genauer Recherche, dass sich die nächste Episode um Zimmerkollegin Katie drehen wird. Eventuell kommt auch der Typ in der rosaroten Pyjamahose in einer kommenden Folge vor (und wird von kanadischen Mounties verhaftet. Die müssen da drüben doch irgendein Gesetz gegen diesen Kleidungsstil haben). Als “Ein Lost zum Lesen” hat man es mir empfohlen, und ja, ohne Zweifel: Das ist es auch. Und auch wenn die Spitzen diesmal nicht ganz so versteckt waren: Es macht auch genauso Spaß.
Tatsächlich ist der Autorin bei aller Liebe zum US-Fernsehen ein äußerst netter und interessanter Auftakt einer für den Buchmarkt frischen Formatidee gelungen. Die kurzen Abstände zwischen den Episoden sorgen für regelmäßigen Nachschub bei den Lesern, deutlicher Gestaltungsfreiheit und Anpassungsfähigkeit bei der Autorin, und dank guter Umsetzung und entsprechender Marketingkampagne für klingelnde Kassen beim Verlag. Für alle Parteien eine Win-Situation und vor allem für die erste ein kurzweiliges und spannendes Vergnügen.
Einen wichtigen Unterschied zum Inseldrama gibt es allerdings doch: Nicht nur, dass die Autorin mit Rückblenden gottseidank sparsam umgeht, sie ist auch gnädig genug um einen nicht zu unterschätzenden Teil der Fragen tatsächlich zu beantworten. Etwas, was sich die große Inspirationsquelle nie getraut hat. Das befriedigt den Wissensdurst doch erheblich (mit dem aufregenden Cliffhanger am Schluss kann man ja sowieso wieder genug Vorfreude auf den nächsten Band schüren), allerdings wird auch klar, warum das Vorbild auf viele Antworten am Ende gepfiffen hat: Je größer das Mysterium, umso ernüchternder ist es, wenn die Auflösung zu einfach ausfällt. “Was zur Hölle”-Momente halten sich so in Grenzen, dafür wird es rund und stimmig. Vor allem bei der Hintergrundgeschichte der beiden Protagonisten. Bevor noch die ewige Andeutung auf die üble Vergangenheit nerven kann, lenken zur Überbrückung genug eingestreute Mythen ab um schlussendlich doch noch eine interessante Erklärung für die Anwesenheit der beiden Frost-Kinder zu liefern.
Trotz der in Schüben auftretenden Lost-Erinnerungen hat mir die Lektüre (im Hörbuch unglaublich passend von Gillian Andersons Synchronstimme Franziska Pigulla vorgetragen) viel Freude bereitet. Die nächste Episode kann gern kommen!
Der “-light” Zusatz stimmt mich zuversichtlich, dass es mich nicht allzu sehr gruseln wird
Die Tatsache, dass es an eine TV-Serie erinnert erklärt wohl auch die fr Bücher untypische Season-Punktpunktpunkt-Betitelung. Vor der Buchmesse werd ich mich auch mal noch dran wagen. Nach deiner Rezension bin ich froh, dass Teil 1 und 2 schon hier liegen
LG Katrin
von Katrin von SaitenOh, da mach dir mal keine Sorgen. LOST ist ja auch nicht zum gruseln, nur verdammt verwirrend
von Stefan