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Best of 2009

Stefan am 7. Januar 2010 um 14:30

Mit etwas Verspätung möchte ich nun auch endlich meinen ganz persönlichen Jahresrückblick für 2009 veröffentlichen. Hoffentlich noch früh genug, um nicht peinlich aufzufallen. Wo kämen wir denn hin, wenn ich das erst Mitte Jänner/Anfang Februrar reinstellen würde? (Nun, in den Fasching, da würde es sogar wieder komisch wirken).

Wie auch immer, 2009 war für mich persönlich ein absolutes Spitzenjahr, weil ich nach einem fachliteraturschwangeren 2008 endlich wieder Zeit für Romane hatte, und einige tolle Autoren kennenlernte und (wieder)entdeckte, deren kommende Neuerscheinungen in diesem Jahr ganz oben auf meiner Abschussliste stehen. Auch gab es eine Menge Highlights und oft schlaflose Nächte, in denen die Seiten nur so durch die Finger flogen und ich jedes Wort und jede Zeile in mich aufsog.

Das ganze macht es natürlich nicht so einfach, unter meinen Favoriten die Besten zu ermitteln, weshalb ich mir für dieses Jahr eine ganz einfache Grenze gesetzt habe: Das Buch muss 2009 erschienen sein. Alles andere wäre unfair. Nicht für die Bücher, sondern — zugegeben — für mich.

Schlussendlich habe ich die Liste noch auf drei Bücher reduziert, und keine großartige Reihenfolge oder Rangordnung erstellt. Hier sind sie:

Daniel Kehlmann – Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Genauer: In neun Kurzgeschichten. Prinzipiell könnt ihr euch das Buch als eine Art Pulp Fiction ohne Pulp vorstellen. Die neun Geschichten in Ruhm erzählen von neun sehr unterschiedlichen Personen, die allesamt auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber durch diverse Umstände, Ereignisse oder Personen miteinander verwoben sind. Kehlmann hebt diese aus mehreren Büchern und Filmen bekannte Erzählstruktur allerdings noch auf eine mehr oder weniger intelligente Ebene, in dem er die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, oder besser: zwischen der fiktiven Realität im Buch und der Fiktion innerhalb jener, durchbricht und sie verschmelzen lässt. Klingt jetzt sehr geschwollen, bedeutet aber eigentlich nur, dass im Roman auch mal der eine oder andere Schriftsteller vorkommt, und in einer anderen sogar einmal eine Romanfigur von ihm Protagonist sein darf. Dieses Realitätsthema und der von Kehlmann geschaffene Kosmos, in dem sich das ganze abspielt hinterlässt natürlich viel Spielraum für Interpretationen. Ich persönlich hatte den Eindruck, dass man hauptsächlich mit der Frage nach der eigenen Existenz konfrontiert wird. Aber keine Angst: Das Buch ist auch ohne dem philosophischen Background total lesenswert, hauptsächlich auch wegen Kehlmanns äußerst angenehmen und subtil humorvollen Schreibstil. Ach, woher hat der nur seine Ideen?
Allerdings muss ich auch sagen, dass ich nach dem Geniestreich “Die Vermessung der Welt”, einen ähnlich großen Wurf von ihm erwartet habe, er das aber nicht ganz erreicht hat. Warum es dann trotzdem in meiner Best Of 2009 Liste ist? Hauptsächlich, weil ich auch nach über einem halben Jahr immer noch das eine oder andere Detail in dem fein gewobenen Netzwerk der Protagonisten entdecke und ich mich noch immer an jede Einzelheit erinnern kann. So einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen nur wenige Bücher bei mir.
Noch eine kleine Randbemerkung: Das Buch ist relativ dünn und sehr schnell gelesen, wem also das Geld für die gebundene Ausgabe zu Schade ist, sollte doch auf die Taschenbuchvariante warten.

Gerard Donovan – Winter in Maine. Das sollte nun keine Überraschung für euch sein. Über diesen Meilenstein der Erzählkunst haben Kossi und ich schon eine Menge Worte verloren. Wer diese Worte noch nicht gehört hat, sollte sich schleunigst unsere siebte Bücher(p)lausch Episode anhören. Ja, tatsächlich ist “Winter in Maine” eines der Bücher 2009 gewesen, die mich am meisten beschäftigt haben. Eine unglaublich interessante Charakterstudie, in der euch eine Person präsentiert wird, die zwischen herzzerreißend aufopferungsvoll und manisch blutrünstig alles sein kann. Alle, die den Titel bislang versäumt haben sollten noch während der kalten Wintermonate Julius Winsome einen Besuch abstatten. Es gibt nichts besseres, als diesen Roman gemütlich unter einer Wolldecke mit frisch aufgebrühtem Tee zu lesen, während es draußen erbärmlich und ungastlich kalt ist. Noch diesen Monat soll übrigens eine Hörbuchfassung erscheinen.

Zoran Drvenkar – Sorry. Eigentlich würde an dieser Stelle ein anderes Buch stehen. Wenn da nicht an Heiligabend noch eins reingeflattert wäre, dass mir beinah einen Wunsch erfüllte. In einem Gespräch mit Kossi erwähnte ich vor einiger Zeit einmal, dass ich absoluter Fan der Saw-Reihe wäre. Nicht wegen der Brutalität oder den verstreuten Leichenteilen, die jeden Film zieren, sondern wegen der einzigartigen Erzählweise. Diese Filmreihe dreht sich um den Puzzlemörder und seine Todesfallen, und wie der Spitzname des Killers schon vermuten lässt, ist auch der Film wie ein Puzzle aufgebaut, in dem Stein für Stein zusammengelegt werden und erst am Ende ein stimmiges Gesamtbild erscheint. Das spannende dabei ist, dass man lange das Gefühl bekommt, zu wissen wie das Bild aussehen wird, aber erst durch die letzte Szene bzw. den letzten Puzzlestein wird einem gezeigt, was sich eigentlich die ganze Zeit abgespielt hat. Für mich ist dieser Film immer noch einer der besten Thriller aller Zeiten, und lange habe mich mir ein Buch gewünscht, dass mir ein ähnliches Gefühl vermittelt.
Dann kam “Sorry”! Und wie es kam. Zoran Drvenkar erzählt die Geschichte von vier Freunden, die gemeinsam eine Agentur für Entschuldigungen eröffnen. Das Prinzip ist denkbar einfach: Firmenoberhäupte mit Gewissensbissen können sich auf diese Art und Weise bei ehemaligen Mitarbeitern und diversen Affären entschuldigen, ohne der Person gegenübertreten zu müssen. Ein Geschäft, dass so kurios es auch klingen mag, von dem ersten Tag weg boomt. Bis eines Tages ein Mörder anruft und der Agentur den Auftrag erteilt, sich bei den Opfern zu entschuldigen. Und gleich mal die Leiche wegzuräumen, natürlich. Wenn nicht, geht es den Familien der vier an den Kragen.
Das Tolle bei “Sorry” ist nicht nur die absolut spannende Geschichte und der sorgfältig durchdachte Plot, sondern auch die Erzählweise. Die einzelnen Kapitel werden immer aus der Perspektive der vier Freunde erzählt, oft kommt aber der Mörder ins Spiel, der bewusst mit “Du” angesprochen wird, was eine ziemlich unwohlige Brücke zu Leser schlägt. Bei all den Rästeln im Buch drängen sich natürlich dann auch die Fragen auf, wer denn “Der Mann, der nicht da war” wirklich ist, und wer sich hinter dem geheimnisvollen Ich-Erzähler verbirgt. Spannende Story, absolut spannend geschrieben und endlich ein Thriller, bei dem ich wirklich Gänsehaut und ein ungutes Gefühl in der Magengegend hatte. Am Ende war ich sogar gerührt, und das kommt auch nicht oft vor. Mein absolutes Thriller-Highlight 2009, mein absolutes Buch-Highlight 2009, und vielleicht das spannendste, das mir in den letzten 5 Jahren untergekommen ist. Hut ab!

Ach, und ihr könnt euch schon jetzt sicher sein, dass wir uns “Sorry” mal ausgiebig in einer Bücher(p)lausch-Sendung widmen.

Doch bis dahin, wenn auch verspätet, ein frohes neues Jahr 2010! Bis demnächst!

4 Kommentare zu “Best of 2009”

  1. Kossi

    Mein lieeeeeber Stefan,

    ich hätte mich ja jetzt schon gefreut, wenn du geschrieben hättest, dass auch ICH dir schlaflose Nächte bereitet habe… aber okay… man kann nicht alles haben :-)

    “Sorry” werde ich auf jeden Fall auch schon sehr bald lesen. Auch wenn ich diese “Saw”-Filme nicht kenne und auch gar nicht kennen MÖCHTE, denn ich weiß, dass ich dann garantiert auch schlaflose Nächte hätte. Sowas ist nix fürs zarte Kossiseelchen. Aber ich werde das Buch lesen und dann mit Sicherheit mit dir drüber plauschen!!

    Auf dass es ein lesereiches 2010 wird!! Ich freu mich drauf! ;-)

    LG,
    Kossi

  2. Stefan

    Meine herzallerliebste Kossi,

    Du weißt doch, dass ich eine Menge der Bücher nur deshalb kenne, weil du mir den Tipp dazu gegeben hast. Dementsprechend bist du der direkte (oder indirekte?) Auslöser meiner schlaflosen Lesenächte. Von den anderen ganz zu schweigen ;)

    Noch zu Saw/Sorry: Eigentlich haben die beiden nicht viel gemeinsam, bis auf das Gefühl, dass sich bei mir einstellte, als ich das Buch las/den Film sah und die letzte Szene hatte. Der Grusel und der Schauer kommen da von innen heraus, nichts grausam blutrünstiges, sondern psychisch fordernd. Aber ich muss da ganz ehrlich sagen, dass dieser Horror ja meist viel schlimmer ist, als mach übertriebene Leichenzerstückelei ;)

    Ich freu mich auch schon auf unser 2010. Sowohl das was das Lesen angeht, als auch das Plauschen ;)

    Grüße aus Linz,
    Stefan

  3. SilkeS

    Hallo!

    Oh, das finde ich ja niedlich: Stefan wünscht uns “ein frohes neues Jahr 2009″;-))

    Ansonsten, überlege ich ernsthaft, ob ich Bücher(p)lausch boykottieren soll. Ehrlich…. jeder Tip ein Hit… was ich bislang an neuen Büchern, die ich unbedingt lesen will um meine Meinung mit Eurer abzugleichen, in notiert habe,…. das ist echt unglaublich….
    Eigentlich ist es ja ein Kompliment an Euch und an die Sendung, aber ich weiß wie lange mein Mann noch meinen wachsenden SUB toleriert… ;-) )

    Gruß SilkeS.

  4. Stefan

    Da schau her … da lebe ich wohl noch in der Vergangenheit ;) Danke für den Hinweis und noch weit mehr Dank für das Lob ;)

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